Jahreslosung 2021/1 - "Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist."

Karl Zahradnik, Münsingen, Januar 2021

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Jahreslosung für 2021, „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“, Luk. 6/36 steht in der Feldrede von Jesus im Lukasevangelium. Unmittelbar nach der Berufung der 12 Jünger, Luk. 6/12-16 steht in den Versen 17-19 die Einleitung zur Rede, die dann von Vers 20-49 folgt.

Die 30 Verse der Feldrede des Lukas sind eine Parallele zur deutlich umfangreicheren Bergpredigt von Jesus, die uns in den Kapiteln 5-7 des Matthäus-Evangeliums überliefert wird. Die Feldrede kann man in fünf unterschiedlich lange Abschnitte unterteilen:

  • Verse 20-26 Seligpreisungen und Weherufe
  • Verse 27-36 Das Gebot der Feindesliebe
  • Verse 37-42 Vom Richten (bzw. Nicht-Richten-Sollen!)
  • Verse 43-46 Vom Baum und seinen Früchten
  • Verse 47-49 Vom Hausbau.

Die Jahreslosung ist das Zentrum der Feldrede. Der Textabschnitt über das „Gebot der Feindesliebe“ ist der längste Teil der Feldrede. In diesem Textabschnitt wirkt unsere Jahreslosung wie eine zusammenfassende Bündelung.

Die Jahreslosung – genauer betrachtet:

Entscheidend ist, dass die inhaltlich zentralen Aussagen im Hauptsatz wie im Nebensatz identisch sind. Der unser Vater ist, der ist auch der Vater Jesus Christi, der Gott Israels und Schöpfer und Herr aller Welt, nämlich barmherzig und das sollen wir auch werden. Was Gott schon ist, das sollen wir auch werden, und zwar so, „wie“ es unser Vater schon ist. Demnach ist der derjenige Mensch barmherzig, der oder die ein Herz für die Armen und Elenden hat und – das ist wichtig – nicht in einer Gefühlsregung stehen bleibt, sondern tätig wird.

Weil wir auch vom Vater und vom Sohn bereits geliebt wurden, als wir noch Feinde waren (Röm. 5/6-10), weil Gott an uns die Feindesliebe praktiziert hat und barmherzig mit uns umgegangen ist, darum sollen und können wir auch die Feinde lieben, barmherzig sein und darin – in all unserer Unvollkommenheit – die Vollkommenheit Gottes widerspiegeln.

Barmherzigkeit in der Bibel:

Aus der großen Fülle greife ich nur einige Beispiele heraus:

Neh. 9/31: „Aber nach deiner großen Barmherzigkeit hast du mit ihnen nicht ein Ende gemacht noch sie verlassen; denn du bist ein gnädiger und barmherziger Gott“. Israels Existenz ist ein Zeichen der Treue und Barmherzigkeit Gottes und nicht der Verdienst eigener Frömmigkeit.

Der Gebetsruf: „Kyrie Eleison“ („Herr, erbarme dich“) als standardisierter Hilferuf von Menschen in existentieller Notlage (Mt. 9/27, Mt. 15/22 u.v.m.).

 

Einige Gedanken zur Jahreslosung:

Barmherzigkeit hängt nicht vom Charakter meines Gegenübers ab, sondern sie ist eine Frage meines Charakters. Gott fordert uns auf, seinem Beispiel zu folgen: barmherzig zu sein, unser Herz zu öffnen, die Not anderer Menschen wahr zu nehmen und ganz wichtig, entsprechend zu handeln.

Barmherzigkeit bedeutet, dass ich innerlich betroffen bin von dem, was mir begegnet. In Psalm 145/8-9 heißt es über Gott: „Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. Der HERR ist allen gütig und erbarmt sich aller seiner Werke“.

Was heißt das? Gott hat vor allen Dingen ein Herz für die Armen, für die Schwächsten und die Unterdrückten; also für die Menschen, die von der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. Gott fragt nicht lange nach, er handelt und will die Menschen aus ihrer Not herausholen. Und wir als Einzelne, aber auch als Gemeinden, sind das Werkzeug Gottes. Wir Christen wissen, dass Gott sich durch nichts abhalten lässt, uns zu helfen und zu unterstützen. Deswegen müssen wir mit offenen Augen durch die Welt gehen und versuchen, das Leid anderer Menschen zu lindern.

Barmherzigkeit ist also nicht einfach nur ein frommer Begriff, sondern Barmherzigkeit ist gerade in schwierigen Zeiten eine deutliche Aufforderung aktiv zu werden, genau hinzusehen, wo und was für eine Not und ein Leid herrscht. Weiß ich das, dann muss ich auch konkret handeln.