Impuls 2026-03 Jesus, sammle meine Tränen in deinen Krug

Charlotte Hagmüller

„Da weinte Jesus.“
(Johannes 11, 35)

Jesus weinte. Diese zwei Worte berühren und bewegen mich seit einigen Wochen.

Jesus, von dir heißt es in den Evangelien zweimal, dass du weinst: Hier, auf dem Weg zum Grab von Lazarus, und kurz vor Jerusalem (Lukas 19, 41).  Und im Hebräer-Brief heißt es (5, 7), dass du im Garten Gethsemane mit lautem Weinen und mit Tränen zu dem Einen gefleht hast und erhört wurdest.

Hier, in Johannes 11, so habe ich gelesen, bedeutet das hebräische Wort ein leises Weinen. Dir liefen die Tränen über die Wangen ohne Wehklagen und ohne körperliches Zittern.

Du weinst! So wie ich! So wie wir alle - in unterschiedlichen Momenten.
Bei dir, Jesus, hatten andere sofort eine Erklärung: „Siehe, wie er ihn geliebt hat.“ (Vers 36)
Aber: Ist es denn immer wichtig zu verstehen, WARUM geweint wird?
Jesus, du warst tief bewegt und bekümmert, heißt es in den Versen 33 und 38.

Im Laufe der Jahrhunderte habe viele Menschen eine Erklärung für dein Weinen vermutet. Und manche haben gefolgert, dass wir bis heute dich zum Weinen bringen mit Unglaube, Zweifel und Fehlverhalten. Damit wird ordentlich Druck ausgeübt und Angst gemacht. 

Johann Wolfgang von Goethe schrieb: „Wenn du weinen kannst, so danke Gott!“ Und einer meiner Brüder sagte zu mir, als ich mich über mein Weinen ärgerte: „Sei froh, dass du weinen kannst! Ich kann es nicht mehr!“

Weinen, so wissen wir heute, spielt eine entscheidende Rolle für unsere psychische, mentale und physische Gesundheit. Durchs Weinen verarbeiten wir Emotionen, Schmerzen werden gelindert und soziale Bindungen gefördert. Weinen unterstützt das Immunsystem und stärkt die Krankheits–Resilienz.

Wer sich regelmäßig das Weinen verbietet oder verbieten lässt, sammelt in sich eine Deponie von angestauten Emotionen. Das erhöht den Stresslevel, fördert Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Magenprobleme, Depressionen, Angstzustände und vieles mehr.Aber: Je heftiger das Schluchzen ist, umso mehr wird Druck, Schmerz und Frust weggespült. Je heftiger wir zittern, umso größer ist die Erleichterung. Jede geweinte Träne bringt ein Stückchen Heilung, Wahrheit und Erinnerung daran, dass wir menschlich sind! Weinen lehrt uns, mit dem Herzen zu sehen und mit dem Leben zu fließen.

Augustinus schreibt: „Tränen sind das Grundwasser der Seele!“ Und wo das Grundwasser fehlt, da herrscht Trockenheit, die das Leben verdorren statt erblühen lässt.

Jesus, du weinst!
So wie ich! So wie wir! Weil wir Menschen sind!

Der niederländische Fotograf Maurice Mikkers fotografiert Tränen. Er sagt, dass jede Träne einzigartig ist, so wie jeder Wassertropfen und jede Schneeflocke. Seine Bilder sind faszinierend!

Jesus, du machst mir mit deinem Weinen Mut, zu weinen und meine Tränen nicht zu verstecken. Was andere sagen, das ist egal!
Du zeigst mit deinem Weinen deine Menschlichkeit und ermutigst mich ebenfalls dazu. DANKE!

„Sammle meine Tränen in deinen Krug, ohne Zweifel, du zählst sie.“ (Ps. 56/9b)